Contemplative Care

If you have come here to help me, you are wasting your time. But if you have come because your liberation is tied up with mine, let us work together.

Lilla Watson, australische Aktivistin

Der Begriff „Contemplative Care“ liegt uns sehr am Herzen. In Europa ist er noch weitgehend unbekannt, ganz im Gegensatz zu den USA, wo es bereits viele Einrichtungen gibt, die mit diesem Ansatz arbeiten.

Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff „Seelsorge“ geläufiger. Im buddhistischen Kontext ist „Seelsorge“ jedoch ein schwieriges Wort, den wir dennoch im Betreungsalltag verwenden müssen, denn einerseits können mit dem Begriff fast alle etwas anfangen und andererseits ist er in vielen Bereichen rechtsverbindlich.

Natürlich ist unter diesem Schlagwort auch sehr viel Missbrauch passiert und darum ist es wichtig, dass man es nicht unkommentiert verwendet. Auch moderne Begriffe wie „spiritual care“ kommen ihm nicht nahe, denn damit ist ganz allgemein nur die spirituelle Fürsorge innerhalb des Pflegebetriebs gemeint. Uns liegt daher der Begriff „contemplative care“ sehr am Herzen. Er ist umfassend verwendbar und umgeht das Wort „Spiritualität“, welches auch nicht einfach ist.

Aber was ist das eigentlich genau, die Seelsorge, was bedeutet sie, was macht sie, was machen wir als Seelsorger*innen?
Mit all diesen Versuchen einer Definition müssen wir sehr sorgfältig und wachsam umgehen und sie bedürfen einer ausführlichen permanenten Kommentierung. Denn wir versuchen hier, dem Unsagbaren Ausdruck zu verleihen. Den Orten, wo wir uns nicht hindenken können, dieser Insel ohne Worte, wie es Wittgenstein ausdrückte, Worte zu verleihen.

Seelsorge ist keine psychologische oder sozialarbeiterische Tätigkeit wie wir sie im alltäglichen gesellschaftlichen Kontext verstehen, sie geht weit darüber hinaus.
Seelsorge arbeitet nicht nach empirisch entwickelten Methoden, sondern nährt sich aus der seit Jahrtausenden entwickelten Erfahrung der geistigen Schulung durch kontemplative Praktiken und den daraus erwachsenden Möglichkeiten der wechselseitig wirkenden, kontemplativen Transformation.
Dies bedeutet kein Ausschließen oder Abwerten von psychologischen Therapieformen, sondern ist ein sowohl als auch, ein Miteinander.

Seelsorge ist an und für sich grenzenlos.
Wir lernen allerdings sehr früh, uns abzugrenzen, uns von dem, was uns umgibt, abzutrennen und es als Objekt wahrzunehmen. Als etwas, was außerhalb von mir selbst existiert, aus der Etymologie des Wortes Objekt herauskommend als ein „Gegen, ein Anderer“. So funktioniert unser konditionierter Geist, unser Selbst. Mit dieser Trennung beginnt allerdings schon unser ursprüngliches Leiden. Wir erleben uns als getrennt von unserer Umgebung und dieser Zustand beunruhigt uns, verunsichert uns.
Diese Form der Wahrnehmung stimmt aber überhaupt nicht mit der Wirklichkeit überein, hier nur ein paar Beispiele: Wir atmen alle dieselbe Luft, gefüllt mit dem Atem der anderen, auch gefüllt mit dem Mikrobiom der Anderen. Das Mikrobiom ist für jedes Lebewesen, dazu zählen auch Pflanzen, einzigartig und enthält rund 30 Billionen mikroskopisch kleine Lebewesen wie Bakterien, Pilze und ähnliches. Und diese für jedes Lebewesen einzigartigen Mikrobiome kommunizieren ständig untereinander und miteinander.

Aber um emotional überleben zu können, grenzen wir uns ab. Das ist wichtig, aber es trennt uns vom Anderen, wir generieren eine imaginäre Außenwelt, die eigentlich nur in unserer eigenen Vorstellung existiert, zu unserem eigenen Universum herananwächst. Diese Fragmentierungen haben viele Ebenen und ziehen sich durch unser ganzes gesellschaftliches Zusammenleben. Ein paar Beispiele: Alles, was wir nicht als „normal“ ansehen, wird abgetrennt und in eine Einrichtung gesteckt: die Kranken ins Krankenhaus, die Behinderten ins Behindertenheim, die Psychotischen in die Psychiatrie,  die Alten ins Pflegeheim, die Sterbenden ins Hospiz und die Bösen ins Gefängnis. Alles schön getrennt. Der übrigbleibende Rest der Menschheit führt „das schöne Leben!“

Im Buddhismus hilft uns die Übung des grenzenlosen Mitgefühls, diese Grenzen aufzuweichen und zu überwinden. Es ist dabei hilfreich, alles als eher flüssig oder durchlässig wie eine Membran wahrzunehmen.
Mein Leitsatz für diese Übung stammt vom Gründer des chinesischen Chan-Buddhismus im 9. Jhdt. n. Chr., Dongshan Liangjie. Er sagt in seinem Erleuchtungsgedicht sowas wie: „Es ist jetzt ich, aber ich bin nicht es“.

Sich selbst und Andere als durchlässig wahrzunehmen bedeutet allerdings nicht, dass es keine Grenzen gibt, nur die Art und Weise wie diese vermittelt werden, stammt aus einer anderen Sichtweise. Einer Sichtweise, in der wir uns alle, wie schon erklärt, als wechselseitig miteinander verbunden ansehen und damit alle auf einer Augenhöhe sind. Auf der einen Seite kein Kranker, Behinderter, Sterbender, pflegebedürftiger Klient, psychisch Kranker oder Gefängnisinsasse und auf der anderen Seite kein Therapeut oder Heiler.

Wir als Seelsorger teilen nur etwas aus unserem eigenen Erfahren heraus. Dieses Erfahren entspringt aus der eigenen Praxis der Kontemplation. Wir öffnen ein Feld, einen Raum, in dem nicht bewertet,  beurteilt, beratschlagt wird, einen Raum in dem alles erscheinen darf. Dieses Fundament, das absolut grenzenlose Gesehenwerden-Dürfen des Anderen, welches das Entfalten des Gegenübers erst wahrhaftig möglich macht, ermöglicht das bedingungslose und vollständige Annehmen des Anderen. Dieses Annehmen und Gesehenwerden birgt das große Potential für eine grundlegende Veränderung, denn nur so kann sich das Gegenüber auch selbst sehen und annehmen. Dies ist die grundlegende Erfahrung von Mitgefühl für sich selbst. Die daraus entstehenden Erkenntnisse sind die Basis für eine sich entwickelnde Verantwortung für das eigene Leben und somit auch jenes der Mitmenschen. Das Wichtige dabei ist der Prozess und die Begleitung dessen.

Seelsorge ist keine dogmatische Methode, die auf empirischen Erkenntnissen beruht.
Die Basis ist unsere ureigenste innewohnende Möglichkeit des allumfassenden, grenzenlosen Mitgefühls. Unsere abrahamitisch geschulten Kollegen sprechen hier immer von der Fähigkeit der uneingeschränkten Liebe.
Seelsorge ist prinzipiell konfessionslos, die Möglichkeit sie auszuüben wird allerdings gespeist aus der eigenen kontemplativen Praxis und dem daraus gewonnen Erfahren der permanenten wiederkehrenden Transformation. Die Basis, um diese Transformation zu erfahren, ist das eigene bedingungslose Einverständnis mit allem, was einem begegnet und allem, was in einem aufsteigt, nicht auszuweichen, sondern genau hinzusehen. Sich seinen eigenen Dämonen und denen der Anderen aufrichtig und wahrhaftig zu stellen und ihnen zu begegnen.

Wir haben in der praktischen Umsetzung dieser Übung in den letzten Jahren viel Erfahrung gesammelt und möchten diese auch anderen zur Verfügung stellen. Und dabei sind wir nicht die einzigen. Zurzeit übersetzen wir eines der wenigen Bücher, das sich mit dem Thema buddhistische Seelsorge beschäftigt, The Arts of Contemplative Care, ins Deutsche. Es wird Anfang 2021 erscheinen.

Mehr über unsere eigene kontemplative Praxis erfährst du auf unser Sangha-Website Daijihi.org.