Intention

von Shinko Andreas Hagn

In den vielen Jahren meiner Betreuungspraxis im Gefängnis, mit Obdachlosen und allen Menschen, die mich gebeten haben, sie zu unterstützen, konnte ich viele Menschen durch Ihr Geschichten bis in ihre tiefsten Tiefen hinein kennenlernen. Zwei dieser Lebensgeschichten haben mich besonders betroffen gemacht. Aus ihnen erwächst eine meiner ausschlaggebenden Motivationen, dieses Projekt zu starten.
Die eine handelt von einem jungen Mann, der schon sehr früh viele Jahre im Gefängnis verbracht hatte und der mich auch nach seiner Entlassung gebeten hatte, dass ich ihn weiter betreuen soll. Er hat mich oft gefragt, ob ich nicht einen Platz kenne, wo er gleichzeitig leben, arbeiten und sich spirituell weiterentwickeln kann. Ich konnte ihm dabei nicht wirklich helfen. Er lebte in Oberösterreich, daher haben wir uns regelmäßig Nachrichten geschrieben, telefoniert und uns alle paar Monate gesehen. Er ist vor einigen Jahren im Drogenrausch tragisch im Bett erstickt.
Der zweite Fall ist eine noch nicht einmal 28-jährige Frau, die ich durch ihre Mutter kennengelernt habe. Wir hatten es damals gemeinsam geschafft, ihre schon achtjährige Drogengeschichte zu beenden und sie hatte angefangen, ein relativ normales Leben zu führen. Dann hat mich ihre Mutter wieder kontaktiert. Die junge Frau war inzwischen schwere Alkoholikerin und lebte in München. Ich besuchte sie und wir waren telefonisch und per Nachrichten immer verbunden. Wir haben teilweise dramatische Stunden gemeinsam überstanden. Einmal habe ich sie abgeholt und in der Nähe von Fulda in eine Betty Ford Klinik für einen Entzug gebracht und mich auch darum gekümmert, dass sie eine Nachbetreuung in München findet. In diese Betreuungsstelle ist sie nie gegangen, sie hat relativ rasch wieder zu trinken begonnen.
Danach sind ihre Anfälle schlimmer geworden, sie hat mich angefleht, mit ihr gemeinsam den Entzug zu machen, ihr einen Platz zu geben, wo ich auf sie aufpassen könnte. Mir war das in dieser Situation nicht möglich. Ein paar Wochen später hat sie einen abermaligen Entzug in der Betty Ford Klinik begonnen. Sie hat dabei einen jungen Mann kennengelernt, der wegen eines Heroinentzugs dort war. Beide haben nach kurzer Zeit die Klinik gemeinsam verlassen. Kurz darauf ist sie durch eine Überdosis Heroin ums Leben gekommen.

Ich weiß nicht, ob eine umfassendere Betreuung mit gemeinsamem Wohnen, inkludierter gemeinsamer Arbeit und buddhistischer Praxis beide Leben gerettet hätte. Wir werden das nie wissen, aber wir können versuchen, den Lauf solcher Schicksale zu ändern, indem wir einen solchen Raum schaffen und denjenigen anbieten, die ihn brauchen!

Dies wollen wir mit diesem Projekt erreichen.

Wir lernen sehr früh, uns abzugrenzen, um unser emotionales Überleben zu sichern. Aber dadurch verstärken wir unsere innere Trennung von der Welt und sehen alles nur außerhalb von uns. Wir sehen uns nicht mehr als Teil der Welt, obwohl wir ständig mit allem verbunden sind. Diese Erkenntnis können wir über kontemplative Übungen erlangen und festigen. Auf dieser Grundlage kann sich Mitgefühl für uns selbst und alle anderen Wesen entwickeln, wir können lernen, dieses gefühlte Getrenntsein von der Welt da draußen aufzuheben und im ständigen Gefühl der unmittelbaren, ständigen Verbundenheit mit allen Wesen zu leben.

Mit dieser inneren Haltung der Verbundenheit und Offenheit können wir uns unsere so unglaublich fragmentierte und entwurzelte Welt, in der wir alle von uns als Problem definierten Bereiche wie Straftaten, Sucht, psychische Krankheiten, Burnout und ähnliches ausgelagert haben, Stück für Stück wieder zu eigen machen.
Wir glauben auch, dass in der professionellen sozialen Betreuung von Menschen, egal ob im Gefängnis, Krankenhaus, Pflegeheim, Hospiz und so fort, der Versuch der Abgrenzung nicht wirklich funktioniert, auf alle Fälle nicht auf Dauer. Die erfahrenen Schicksalsschläge und die damit verbundenen Emotionen diffundieren langsam, aber stetig, in die tiefen Schichten unseres Seins und enden oft im Berufswechsel, Burnout oder einfach nur in der totalen Abstumpfung gegenüber dem, was man tut.
Wie oben beschrieben ist diese Nähe zu der realen Tragik des Lebens nicht mit dem Verstand zu erfassen: Warum stirbt ein Mensch so früh oder überhaupt, warum haben Kinder Krebs, …? Innere Abgrenzung mag unser erster Impuls sein, um uns von diesem Schmerz abzuschneiden, aber das führt auch bei den Betreuenden letztendlich in eine Sackgasse, in der sie von sich selbst und der Welt abgeschnitten sind.
Diesem Nichtgreifbaren kann man sich, aus meinem Verständnis heraus, nur mit einer kontemplativen Übung nähern, mit unserem Denken funktioniert das nicht.

Wir haben aus unserer eigenen Erfahrung heraus und durch unsere langjährige Betreuungspraxis bemerkt, dass ein fixer Rahmen in einer Gemeinschaft, gepaart mit kontemplativer Übung, sehr unterstützend und heilsam sein kann. Darum rufen wir dieses Projekt ins Leben und Hoffen auf Ihre Unterstützung, in welchem Rahmen auch immer sich diese entfalten wird.